Die Kunst & Wissenschaft des (richtigen) Dehnens

16.04.2014
Lange Zeit herrschte im (Freizeit)-Sport das uneingeschränkte Paradigma: Stretching ist gut! Egal wann, egal wo und egal wie – wer etwas auf seine Gesundheit und Fitness hielt, der befolgte ein (mehr oder weniger) strukturiertes Stretching-Programm als Ergänzung zum sonstigen Training. Innerhalb der letzten Jahre begann die Fassade der lustigen Dehnungsbewegungen zu bröckeln. Meta-Studien versuchten den Nutzen unterschiedlicher Konzepte zur Minimierung des Verletzungsrisikos und zur Erhaltung (oder Steigerung) der Mobilität mal um mal zu beweisen. Die Ergebnisse waren mehr als ernüchternd und es zeigte sich sogar, dass das Dehnen zum falschen Zeitpunkt nicht nur nicht das Risiko für Unfälle beim Training reduziert, sondern sogar erhöht.
Da ich selbst vor einigen Wochen erst einen zweiteiligen Artikel über Trainingsverletzungen hier auf bei Fitnessfreaks.com verfasst habe (Teil 1 & Teil 2) und das Dehnen darin einen kleinen Unterpunkt abbekam, möchte ich mit dem heutigen Artikel diesen Themenkomplex ein wenig näher beleuchten, da noch immer bei vielen unklar ist, was man von einem Dehnprogramm erwarten kann (und was nicht).
Wichtige Anmerkung: Die ausgesprochenen Empfehlungen gelten für gesunde, trainierende Personen ohne irgendwelche anatomischen oder neurologischen Einschränkungen und sollten natürlich im Zweifelsfall mit einem Sportarzt oder eurem Coach abgesprochen werden.
Die Kunst & Wissenschaft des (richtigen) Dehnens
Während in anderen Lebensbereichen für die meisten Menschen das Motto „Mehr bringt mehr“ zu gelten scheint, wissen wir ja bereits, dass ein solches Prinzip im Zuge der Leistungssteigerung und Realisierung des Muskelaufbaupotenzials nicht zwangsweise auch auf unsere Ziele übertragbar ist. Für das richtige Dehnen und Stretchen gilt im Übrigen dasselbe: Man muss weder jeden einzelnen Muskel stretchen, noch möglichst viele Sessions durchführen.Dehnung: Was passiert da eigentlich?
Noch vor einigen Jahren ging man davon aus, dass der Dehnprozess durch eine Verlängerung der Muskulatur für dessen höheren Bewegungsradius („ROM“ von „Range of Motion“) verantwortlich gemacht werden kann. Der Muskel, davon ging man aus, gleiche einem Gummiband, welches nach Entfernen des mechanischen Reizes darin bestrebt ist wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückzufinden („Stretch-Reflex“). Durch das Dehnen war es also in der Theorie möglich, die Viskoelastizität [1] des Muskels zu erhöhen. Dies stimmt aber nur teilweise und ist eher temporärer Natur, als ein anhaltender Zustand. (die gestiegene Elastizität ist beim kurzen Dehnen (<2 Minuten) meist schon nach 10 Minuten wieder auf ihrem Basisniveau; je länger und härter gedehnt wird, desto länger hält der Effekt aber an). Die Dehnung sorgt lediglich für eine neurologische Anpassung im Zentralnervensystem (etwa über eine gestiegene Schmerztoleranz). Anatomisch gesehen passiert allerdings nur sehr wenig, weshalb die Behauptung man könne „die Länge der Muskulatur durch das Dehnen beeinflussen“ nicht weiter ist, als ein weiterer Mythos, der sich hartnäckig in der Fitnesswelt hält.Maximierung der Flexibilität – Wie genau?
Eine hohe Flexibilität ist nicht nur für Prima-Ballerinas und Gymnasten, welche am Reck trainieren, notwendig, sondern bringt dem ambitionierten Kraftsportler und Bodybuilder eine ganze Menge an Vorteilen, wenn um die Übungsausführung mit dem vollen Bewegungsradius geht. (Konträr zu populären Annahmen gibt es keine wissenschaftlichen Arbeiten, die zeigen, dass es da zu Inferenzen in Sachen Kraft und Muskelmasse kommt [2]) Das Training mit einem hohen Bewegungsradius ermöglicht ein effizientes Training und eine Ausreizung der Muskulatur, die sich wiederum in besseren Massezuwächsen bei relativ geringerem Gewicht realisieren lässt. Die traurige Wahrheit ist nämlich, dass viele Trainingsanfänger ihre „easy gains“ verschenken, weil sie die Stange mit ihrem Ego beladen und an der Technik sparen, anstatt mit voller ROM zu trainieren. Um eine möglichst hohe Flexibilität zu erreichen, muss man sich vorher überlegen, für welche Bewegung diese Flexibilität eingesetzt werden soll. Je genauer der Stretch der Zielbewegung gleicht, desto besser wird die Verbesserung sein.- - Wenn ihr beispielsweise euren Griff bei Frontbeugen verbessern wollt, dann stellt das Training mit Frontbeuge, bei dem ihr lediglich statisch den Griff trainiert auch gleichzeitig den besten Weg dar, um darin besser zu werden. Faustformel: Es darf ruhig ziehen, soll aber nicht zu einem stechenden Schmerz mutieren.
- - Wenn ihr euren Bewegungsradius beim Kniebeugen verbessern wollt, dann…solltet ihr auch Kniebeugen absolvieren – jedoch das Gewicht entsprechend senken und die Technik (und Tiefe) einstudieren.

Kommentare (2)
Max
April 17, 2014 09:51Hallo Damian, super Artikel. Erst gestern dachte ich daran, dass ein Artikel zum Dehnen noch gut wäre, und schon ist er da! Ich möchte dich lediglich auf einen kleinen Fehler hinweisen: Abschließende Worte -> zweiter Absatz -> erster Satz: "Das Dehnen kann die Muskulatur NICHT verlängern,..." Viele Grüße
Furorgermanicus
April 23, 2014 19:58Danke an Max für die Fehlerberichtigung. Ich habs geändert!